Lagarde: EZB kann maßvoll auf Schocks reagieren

29.06.2026 / 21:46 Uhr

Von Hans Bentzien

DOW JONES--Die Europäische Zentralbank (EZB) operiert nach den Worten ihrer Präsidentin Christine Lagarde nach Jahren voller "unkonventioneller Maßnahmen" nun wieder in einem Umfeld, in dem sie ihr klassisches Leitzinsinstrument den Umständen entsprechend einsetzen kann. In ihrer Rede zur Eröffnung des geldpolitischen Symposiums in Sintra zog Lagarde eine positive Bilanz ihrer bisherigen Amtszeit und äußerte sich zuversichtlich, dass die EZB die richtigen Antworten auf die aktuellen externen Schocks finden werde.

"Wir müssen nicht mehr mit der gleichen Vehemenz eingreifen. Wir können maßvolle Anpassungen der Leitzinsen vornehmen, die auf die jeweiligen Schocks abgestimmt sind. Zudem benötigen wir keine komplexen Formen der Forward Guidance mehr. Unsere Entscheidungen sind datenabhängig und werden von Sitzung zu Sitzung getroffen", sagte sie. Anfang des Monats hatte der EZB-Rat seinen Leitzins erstmals seit 2023 um 25 Basispunkte angehoben und könnte in diesem Jahr einen weiteren Zinsschritt folgen lassen.

Möglich wurde diese Rückkehr zu den Grundlagen der Geldpolitik Lagarde zufolge, weil sich der Leitzins wieder von seiner Untergrenze entfernt hat, beeinflusst von strukturellen Veränderungen, zu denen auch die Notwendigkeit höherer Rüstungsausgaben gehöre. Auch negative Angebotsschocks wirkten in diese Richtung. Nicht zuletzt aber sei Europa heute auch weniger anfällig gegen Schocks als früher, woran die Instrumente der EZB, die einer Fragmentierung entgegenwirkten, Anteil hätten.

Lagarde zählte dazu nicht nur die einheitliche Bankenaufsicht, sondern auch den Fiskalrahmen, den Stabilitätsmechanismus ESM und das Transmission Protection Instrument, das es der EZB erlaube, die Zinsen anzuheben, ohne dabei befürchten zu müssen, dass diese Zinserhöhung zu finanziellem Stress führe.

EZB besser auf Angebotsschocks vorbereitet

Lagarde zufolge ist die EZB gut darauf vorbereitet, mit weiteren Angebotsschocks wie dem Ukraine-Krieg oder dem Nahost-Krieg umzugehen. "Erstens haben wir bei der EZB seit 2022 erhebliche Anstrengungen unternommen, um zu verstehen, wie sich konkrete Echtzeitdaten in der mittelfristigen Inflation niederschlagen, insbesondere durch die Entwicklung unseres Instrumentariums an Indikatoren für die zugrunde liegende Inflation". sagte sie. Instrumente wie die persistente und allgemeine Komponente der Inflation verfügten über erwiesene Frühindikatoreigenschaften.

Zweitens hat die EZB Lagarde zufolge erheblich in die Verbesserung ihrer Projektionen investiert. "Die Projektionsfehler während des Inflationsanstiegs im Jahr 2022 haben neben weiteren Verbesserungen zu einem Übergang zu detaillierteren Prognosen für Öl, Gas und Strom geführt", erläuterte die EZB-Präsidentin. Die Projektionsfehler seit dem Ausbruch des Krieges im Nahen Osten sind sehr gering ausgefallen.

Diese Projektionen vermittelten nun ein vollständigeres mittelfristiges Bild - nicht nur von den Inflationsaussichten, sondern auch davon, wie die Inflation auf die EZB-Maßnahmen reagieren würde. "Dies hilft dabei, eine Geldpolitik zu kalibrieren, die deutlich besser auf das von mir beschriebene Umfeld abgestimmt ist", sagte sie.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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June 29, 2026 15:45 ET (19:45 GMT)

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