KONJUNKTUR IM BLICK/EZB erhöht Leitzins - Deutsche Daten für April
05.06.2026 / 15:52 Uhr
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte am 11. Juni beschließen, seinen Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anzuheben. Es wäre die erste Zinsänderung seit einem Jahr und die erste Zinserhöhung seit September 2023. Die EZB hatte ihre Zinsen nach der Corona-Pandemie von minus 0,50 auf plus 4,00 Prozent erhöht und sie seit Juni 2024 wieder acht Mal gesenkt. Dass die geldpolitischen Zügel nun voraussichtlich angezogen werden, liegt am starken Anstieg der Energiepreise im Gefolge des Iran-Kriegs und der damit einhergehenden Sperrung der Straße von Hormus, wodurch die Öllieferungen weitgehend zum Erliegen kamen.
Die EZB will auf jeden Fall verhindern, dass es wie 2022 zu einem breiten Anstieg der Inflation kommt. Einige Zutaten für eine Wiederholung sind durchaus vorhanden: Ein starker Anstieg der Inflationserwartungen der Konsumenten und Unternehmen, die entschlossen sind, höhere Preise an ihre Kunden rasch weiterzugeben. Andere Zutaten fehlen - vor allem die nach Corona starke Nachfrage. Bezüglich von Zweitrundendeffekten über die Löhne lässt sich noch nichts sagen. Sie werden aber wahrscheinlicher, je länger die Straße von Hormus zu bleibt und es zu Lieferkettenstörungen kommt.
Der Konflikt dauert bereits länger, als die EZB im März im milderen ihrer beiden Negativszenarien erwartet hatte. Entsprechend dürfte sie in der nächsten Woche höhere Inflations- und niedrigere Wachstumsprognosen veröffentlichen. Das hat EZB-Chefvolkswirt Philip Lane bereits angedeutet, während EZB-Direktorin Isabel Schnabel den Sorgen der Falken im EZB-Rat eine Stimme verlieh, als sie kürzlich sagte: Nach heutigem Stand wäre eine Zinsanhebung im Juni gerechtfertigt. Seither hat sich nichts zum Besseren verändert. Und aus dem Protokoll der Beratungen des EZB-Rats von 29./30. April ging hervor, dass besagte Falken schon damals für eine Zinserhöhung gestimmt hätten, wenn eine vorgeschlagen worden wäre.
Die nächste Frage ist: Wie geht es danach weiter? ESTR Forwards preisen einen weiteren Schritt von 25 Basispunkten für September ein. Vor diesem Hintergrund wird interessant sein, mit welcher Mehrheit der aktuelle Zinsbeschluss fällt, wie sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde äußert und wie die Diskussionen im Rat gelaufen sind. Wobei nicht klar ist, ob das Protokoll, das hierüber Aufschluss geben sollte, alle relevanten Diskussionen wiedergibt. Die Aussage aus dem jüngsten Protokoll, man hätte nicht gegen eine Anhebung gestimmt, wenn eine vorgeschlagen worden wäre, deutet darauf hin, dass schon vor den protokollierten Diskussionen richtungweisende Gespräche stattfinden.
Sicherlich wird der Rat betonen, dass er weiterhin von Sitzung zu Sitzung und auf Basis aktueller Daten über das Zinsniveau entscheiden wird und dass die Kriterien der Inflationsausblick, die unterliegende Inflation und die Stärker der geldpolitischen Transmission sein würden.
Neben der Zinsentscheidung stehen in der Woche deutsche Konjunkturdaten für April an: Auftragseingang, Industrieumsatz, Industrieproduktion und Außenhandel. Außerdem kommen US-Verbraucherpreisdaten für Mai.
Deutscher Auftragseingang niedriger im April
Der deutsche Auftragseingang dürfte im April gesunken sein. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte erwarten, dass die Bestellungen gegenüber dem Vormonat um gut 2 Prozent gesunken sind, wobei die Schwankungsbreite relativ hoch ist. Im März war der Ordereingang noch um 5,0 Prozent gestiegen. In letzter Zeit waren die Auftragseingänge relativ robust: Gesunken sind sie seit September nur einmal, da aber kräftig - um 11,4 Prozent im Januar.
Zwar bezog sich ein Gutteil dieser Bestellungen auf Großaufträge - oft aus dem sonstigen Fahrzeugbau -, doch waren sie im Februar und März auch in der Abgrenzung ohne Großaufträge gestiegen, und zwar um 3,2 und 5,1 Prozent. Damit könnten sie unmittelbar produktionswirksam werden, wozu es allerdings nicht kam. Die Zahlen werden am Monat (8.00 Uhr) veröffentlicht.
Deutsche Produktion im April stabil
Die Produktion im produzierenden Sektor Deutschlands dürfte im April stabil geblieben sein. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte erwarten, dass der Output von Industrie, Bau- und Energiewirtschaft auf dem Niveau des Vormonats verharrt ist. Den letzten kräftigen Zuwachs bei der Produktion gab es im Oktober 2025 (plus 1,8 Prozent), seit Januar wird sogar wieder das Vorjahresniveau unterschritten.
US-Inflation steigt im Mai
Der Inflationsdruck in den USA dürfte im Mai kräftig zugenommen haben. Analysten rechnen laut Factset-Konsens damit, dass die Verbraucherpreise gegenüber dem Vormonat um 0,5 Prozent gestiegen sind und um 4,3 (April: 3,8) Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats lagen. Für die Kernverbraucherpreise werden Raten von 0,2 und 2,9 (2,8) Prozent prognostiziert. Zwar orientiert sich die Notenbank eher am Kernpreisindex der persönlichen Konsumausgaben (Kern-PCE-Deflator), doch ist es auch hier zuletzt (im April) zu einem weiteren Teuerungsanstieg gekommen. Die Zahlen werden am Mittwoch (14.40 Uhr) veröffentlicht.
Darüber hinaus interessant in Sachen Inflation werden die US-Erzeugerpreise (Donnerstag, 14.30 Uhr) und die von der Uni Michigan ermittelten Inflationserwartungen der US-Konsumenten (Freitag, 16.00 Uhr).
Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com
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