Schnabel: EZB-Zinserhöhung im Juni aus heutiger Sicht angemessen
26.05.2026 / 09:13 Uhr
DOW JONES--EZB-Direktorin Isabel Schnabel hat sich für eine Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni ausgesprochen, hält aber eine Festlegung auf weitere Zinsschritte für verfrüht. "Aus heutiger Sicht wäre eine Zinserhöhung im Juni angemessen", sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters. Schnabel zufolge notieren die Öl-Futures inzwischen oberhalb des im adversen Szenario unterstellten Niveaus. "Unsere Hoffnung, dass sich der Konflikt schnell lösen lassen wird, hat sich nicht erfüllt. Der Schock ist viel dauerhafter. In dieser Hinsicht bewegen wir uns schon jenseits des adversen Szenarios", sagte sie
Auf die Frage nach weiteren Zinserhöhungen sagte sie, die EZB werde bei jeder der nächsten Sitzungen die Daten prüfen und analysieren, ob eine weitere Zinserhöhung angemessen sei. Sie verwies darauf, dass das im März entworfene Basisszenario bereits auf der Markterwartung zweier Zinserhöhungen 2026 beruht habe. Derzeit preisen ESTR-Futures drei Schritte von je 25 Basispunkten ein.
Folge Punkte machte Schnabel in dem Interview:
1. Verkaufspreiserwartungen der Unternehmen
Laut der Umfrage der Europäischen Kommission zeigt sich sektorübergreifend ein steiler Anstieg des Anteils der Unternehmen, die eine Erhöhung ihrer Verkaufspreise in den kommenden drei Monaten planen - "dieser Zuwachs verläuft schneller als im Jahr 2022. Bestätigt wird dies zudem durch den Anstieg der Abgabepreise in den Einkaufsmanagerindizes (PMIs)". Schnabel sieht nach eigener Aussage verglichen mit den März-Projektionen "signifikante Aufwärtsrisiken" für die Inflation bei Industriegütern ohne Energie.
2. Inflationserwartungen
Sämtliche Umfragen und Marktindikatoren verdeutlichen Schnabel zufolge, dass die kurzfristigen Erwartungen drastisch gestiegen sind. "Was jedoch noch mehr Anlass zur Sorge gibt: In unserer Umfrage zu den Verbrauchererwartungen haben die Inflationserwartungen auch auf mittlere Sicht zugenommen. Zudem lässt sich eine Verschiebung der Verteilung dieser Erwartungen nach rechts beobachten." Dies wird in der Fachwelt häufig als ein frühes Warnsignal dafür interpretiert, dass das Risiko einer Entankerung der Inflationserwartungen steigt. "Diesen Prozess müssen wir extrem sorgfältig überwachen", sagte die EZB-Direktorin.
3. Löhne
Hier ist die Lage nach Schnabels Aussage komplexer, da es zeitlich gestaffelte Tarifverhandlungen und langen Laufzeiten von Lohnvereinbarungen gebe. Verlässliche Zahlen zu den Löhnen lägen daher erst mit erheblichen Verzögerungen vor. "Wenn wir also warten, bis sich Zweitrundeneffekte in den harten Lohndaten manifestieren, kommen wir mit unseren Maßnahmen unweigerlich zu spät", sagte sie.
4. Wachstum
Das Wachstum wird nach Schnabels Einschätzung wegen des anhaltenden Schocks ebenfalls schwächer ausfallen als im März angenommen. Sie verwies auf den starken Rückgang des Verbrauchervertrauens und des Dienstleistungs-PMI. "Die entscheidende Frage für die Geldpolitik lautet, ob die Abschwächung der Gesamtnachfrage von sich aus stark genug ist, um die Inflation mittelfristig wieder auf unser Zielniveau zurückzuführen", sagte Schnabel.
Die EZB müsse beobachten, ob die nachlassende Gesamtnachfrage die Unternehmen dazu zwinge, die höheren Kosten über ihre Gewinnmargen aufzufangen und ob die Arbeitnehmer gezwungen würden, den Kaufkraftverlust hinzunehmen. "Die geldpolitische Reaktion wird sehr stark davon abhängen, in welchem Maße die höheren Kosten an die Preise weitergegeben werden. Und dies wiederum wird von der Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft abhängen."
Kontakt: hans.bentzien@dowjones.com
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